EIN GESPRÄCH MIT ISABEL KLEEFELD

Buch, Regie & Creative Producer

War Ihnen nach dem sensationellen Welterfolg von Liebes Kind und dem Gewinn des International Emmy klar, dass Sie als nächstes wieder einen Thriller machen wollen würden – diesmal ins Genre des Psychothrillers eintauchen wollen würden?

Das Genre ist erstmal zweitrangig, es kommt auf den Stoff an. Ich habe in der Vergangenheit ebenso gern im Bereich Drama, Crime und Komödie gearbeitet. Allerdings gestehe ich, dass ich großer Thriller-Fan bin, besonders von psychologischen Thrillern. Das war auch der Anstoß, weshalb wir damals überhaupt auf Liebes Kind gekommen sind. Die Entscheidung für Die Falle hat allerdings wenig mit dem Erfolg von Liebes Kind zu tun, weil unsere Arbeit daran schon begann, bevor Liebes Kind bei Netflix veröffentlicht wurde. Es ist also nicht so, dass der große Erfolg die Entscheidung für Die Falle nach sich gezogen hätte. Ein Erfolg in der Größenordnung wie bei Liebes Kind ist zudem so überraschend und unplanbar und hat mit so vielen unterschiedlichen Komponenten zu tun…

Warum fanden Sie den Roman von Melanie Raabe prädestiniert für eine Verfilmung?

Ich habe das Buch Die Falle 2023 auf Empfehlung der Produzenten Tom Spieß und Friederich Oetker gelesen. Was für eine spannende, ungewöhnliche Story, die einen unheimlichen Sog entwickelt, eine Geschichte, bei der ich als Leserin miträtseln darf und mich verhalten muss. Dabei fand ich die Flucht in die Fantasie des Schreibens und das Ausmaß des zwanghaften Cocoonings besonders interessant. Die akute Phase von Corona war noch nicht lange her und wir alle hatten in dieser Zeit unsere Erfahrung mit Cocooning gemacht – wenn auch hoffentlich nicht in dieser pathologischen Form. Ich mochte diese besondere Hauptfigur und die Herausforderung, die der Roman an die Leserschaft stellt, die unterschiedlichen Erzählebenen: Imagination, Erinnerung, durch Trigger hervorgerufene Flashbacks und dann die Parallelgeschichte, also der Roman, der von der Hauptfigur geschrieben wird, während die Handlung voranschreitet.

Die Geschichte ist wie eine psychologische Versuchsanordnung, sehr vertrackt, komplex. Ein bisschen wie ein Irrgarten oder ein Escher-Gemälde. Spielte sich Ihnen beim Lesen des Romans sofort die Verfilmung vor Ihrem inneren Auge ab? Oder war die filmische Umsetzung eine harte Nuss zu knacken?

Vieles war im Roman bereits angelegt. Aber Irrgarten gefällt mir. Diese Art Irrgarten hat doch jeder von uns in sich. Was man den Tag über so alles denkt, auch was einem woher auch immer unwillentlich durch den Kopf spukt, was man nachts träumt… Zur Frage der filmischen Bilder: In diesem Fall war die Herausforderung, die starke Prämisse der Story und die suggestive Erzählweise mit dieser komplexen Hauptfigur Lisa Konrad und ihrer psychischen Verfasstheit in eine filmische Thriller-Erzählung zu bringen. Es geht um PTBS, um die Folgen einer Traumatisierung, um unterdrückte Emotionen, um eine perfide Form von Manipulation, um das Verweben von Lüge, Erinnerung und Wahrheit. Ein wichtiger Aspekt dabei war, für die kaleidoskopartigen Verschiebungen ihrer Bewusstseinsebenen die passende visuelle Entsprechung zu finden, damit man wie selbstverständlich einordnen kann und orientiert ist. Hierbei war der DOP Martin Langer mein wichtigster Sparringspartner.

Die Falle ist als abgeschlossene Miniserie in sechs Folgen strukturiert. War diese Strukturierung sofort klar? Hat Sie sich aus der Vorlage natürlich ergeben? Und wie nah ist die Adaption am Roman?

Es ist der Adaption von einem Medium ins andere geschuldet, dass man bestimmte Handlungsstränge hervorhebt oder in den Hintergrund schiebt. Das würde selbst Romanautor*Innen so gehen, wenn sie ihr eigenes Werk in ein Drehbuch übertragen. Bei Die Falle war wichtig, das Ganze von innen nach außen zu erzählen. Also die Geschichte von der Hauptfigur ausgehend so zu organisieren, dass sie filmisch funktioniert. Bei der Adaption half deshalb die Konzentration darauf, dass die Verfasstheit und die Aktionen der Hauptfigur das Geschehen bestimmen: die Entdeckung des Monsters, das Entstehen des Romans, das Training für die Konfrontation, das Interview, das Geständnis und am Ende die sogenannte Wahrheit – sechs Episoden. Die Art und Weise des Verwebens und perspektivischen Erzählens ist dabei ähnlich wie bei Liebes Kind.

Es ist eine sehr präzise Erzählung, wenn nur ein Rädchen nicht in das andere greift, geht die Geschichte nicht auf. Wie genau war Ihr Konzept für die Dreharbeiten im Zusammenspiel mit den verschiedenen Heads of Department ausgearbeitet? Wie frei waren Sie bei den Dreharbeiten, wie viel Spontaneität war möglich?

Die Drehbücher waren genau aus diesem Grund verhältnismäßig dezidiert ausgearbeitet. Beispielsweise stand in den jeweiligen Szenenüberschriften nicht nur wie üblich der Spielort und die Lichtstimmung, sondern auch, auf welcher Erzählebene man sich befindet, ob man sich in einer Fantasiereise, in einer Imagination, in einem Flashback, in einer Rückblende oder auf der Romanebene bewegt. Auch Bezüge zu anderen Szenen waren aufgeführt, Kostümwechsel, Requisiten, Gänge, all das. Dazu hatten wir wie gesagt ein präzises visuelles Konzept, das ermöglichte, die Erzählebenen subkutan zu markieren. Uns war wichtig, die Übergänge so zu gestalten, dass man weder herausgerissen noch erklärbärmäßig darauf hingewiesen wird, nun in einer anderen Erzählebene zu sein. Das Publikum darf entdecken, mitfühlen und vor allem miträtseln. Unsere Hoffnung ist, dass die Einladung angenommen wird, in die Gedankenwelt der Hauptfigur einzutauchen und mitzuerleben, was sie fühlt, plant und denkt. Alle am Set wussten also, worum es in welcher Situation geht, wo man hinwill. Durch diese Vorbereitung hatten wir beim Dreh mehr Sicherheit und somit eine größere Freiheit, um auf Ideen einzugehen und immer wieder auch auf Umstände, in denen man improvisieren muss.

Stichwort größere Freiheit beim Dreh: An welchen Stellschrauben haben Sie nachjustiert?

Das macht man eigentlich ständig. Wir sind dabei super unterstützt worden von Netflix, von Lisa Kreimeyer und Maya Mensah. Die sehr kollegiale Zusammenarbeit in allen Phasen der Entstehung – von der Buchentwicklung über die Vorbereitung und den Dreh, Musterbesprechungen bis hin zur Schnittphase - hatte für mich einen großen Mehrwert. Beide fungierten als unsere Partnerinnen in crime, ob das alles so funktioniert, wie wir uns das ausgedacht haben. Ich glaube, generell verschafft ein klares Konzept eher mehr Raum, um beim Dreh im Austausch mit Cast und Team nachzujustieren, es hoffentlich noch besser zu machen. Bereits bei den Proben und Lesungen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern haben wir für die einzelnen Charaktere noch angepasst und dazu entwickelt. Dabei und auch später am Set war es in diesem Fall ganz praktisch, dass Regie und Drehbuch in Personalunion waren, um schnell reagieren zu können. Obwohl, genauso hatten es Julian Pörksen und ich bereits beim vorherigen Projekt gemacht, mein großartiger Kollege bei Liebes Kind. Je informierter alle sind, desto besser kann man gemeinsam abwägen, was das Beste für die Erzählung ist.

Im Zentrum steht eine traumatisierte Schriftstellerin mit Namen Lisa Konrad und ein Journalist, Robert Lenzen, von dem die Schriftstellerin glaubt, dass er der Mörder ihrer Schwester ist. Was war Ihnen bei der Besetzung dieser beiden Rollen wichtig und warum waren Friederike Becht und Hans Löw die Richtigen?

Es geht um das nicht Planbare, die Chemie zwischen Spieler*innen. Eben diese besondere Chemie war es, die uns bei Friederike Becht und Hans Löw überzeugt hat. Was ich an beiden sehr schätze, ist, dass sie für ihre Figuren kämpfen, dass sie auf deren Kohärenz achten, indem sie ihre Figuren genau hinterfragen. Das schauspielerische Können ist bei beiden, wie ich finde, sowieso auf höchstem Level…

Wie bei Ihrem gesamten Ensemble…

Oder? Ich finde sie alle toll! Ausgehend von Friederike und Hans haben wir geschaut, wie wir den Kosmos um sie gestalten. Und ja: das Ensemble ist einfach großartig mit Matthias Brandt, Anna Schudt, Josephine Thiesen, Malaya Stern Takeda, Michael Klammer, Sesede Terziyan, Ursula Strauss, Johannes Zirner, Peter Lohmeyer, Anna Stieblich, Stefan Gorski, Anton Rubtsov, Moritz Führmann, Samuel Schneider und der Entdeckung der Casterin Sabine Schwedhelm, der wunderbaren Miriam Ohlmeyer als Lisa Konrads Alter Ego im Roman. Es hat so viel Spaß gemacht, mit diesem Ensemble drehen zu dürfen. Sie bringen alle etwas Besonderes mit, was in keinem Drehbuch stehen kann, sie schenken der Geschichte Individualität und Echtheit.

Wie sieht Ihre Arbeitsweise mit Schauspieler*innen aus, wie haben Sie speziell mit Friederike Becht und Hans Löw an dieser Katz-Maus-Spiel-Konstellation gearbeitet?

Vieles passiert in der Vorbereitung. Gespräche über das Drehbuch und die Figuren, wir haben auf die möglichen Lesarten geblickt und darauf, wo die Motivationen und Knackpunkte einer Figur liegen… Im Anschluss folgten Lesungen in Gruppen, bei denen jeweils die Darsteller*innen anwesend waren, deren Figuren die Handlung einer anderen Figur beeinflussen oder berühren. Egal, ob sie Szenen miteinander haben oder nicht. Ideen, Dialoge, Kritik und Logiklöcher wurden miteinander besprochen. Kombiniert wurden diese Treffen wenn möglich mit Kostüm- und Maskenproben, bei denen man den Figuren ebenfalls Schritt für Schritt auf den Leib rückte. Das Ganze hat Vorteile für alle, für die Spieler*innen, für das Team, fürs Budget und nicht zuletzt für meine Arbeit: zum einen fürs Drehbuch, zum anderen für die Umsetzung am Drehort. Der Drehplan war, soweit möglich, auf die Reise der Hauptfiguren ausgerichtet. Und Frieda, Hans und ich sind in den Kernwochen jedes Wochenende die Szenen der nächsten Woche durchgegangen, haben überprüft und angepasst.

Hauptschauplatz ist eine riesige Villa. Dort spielt sich eigentlich alles ab. Sie ist wie die dritte Hauptrolle. Was war Ihnen hierbei wichtig?

Die Anordnung der einzelnen Räume zueinander mit der Treppe, den beiden Geschossen, der Schiebetür, dem Wintergarten, dem vergitterten Blick nach vorn, dem Blick nach hinten - das war bereits in den Drehbüchern durch bestimmte Handlungen und Blickachsen gesetzt. Wir wollten erreichen, dass das Innere von Lisa Konrad mit der Villa eine äußere Entsprechung erhält, mit dem Ort, den sie seit fast zehn Jahren nicht verlassen hat. Wir sind mit Friederike Becht bereits während des Einrichtens durch die Villa gegangen, auch weil es für ihre Rollenarbeit wichtig war, eine Idee von Lisa Konrads besonderen Nest zu bekommen, davon, wo ihre Figur zuhause sein wird. Die filmische Welt, also das look and feel, entsteht dann Zug um Zug in Kooperation der kreativen Gewerke. Kamera, Szenenbild, Kostümbild, Maskenbild – alle arbeiten eng zusammen, um Farben, Stimmungen, Umgebung für die Arbeit ihrer Departments abzugleichen. Und so kann im besten Fall dann eine Einheit entstehen. Bei Die Falle haben wir nicht nur in der Original-Villa gedreht, sondern auch Räume im Studio gebaut. Das war von Vorteil, allein was Wetter- und Lichtunabhängigkeit angeht, gerade weil eine Episode von Die Falle mehr oder weniger in Echtzeit spielt. Ich hatte anfangs großen Respekt vor dem Dreh im Studio, jetzt bin ich Fan.

Sie haben bereits im Frühjahr 2025 gedreht und danach lange in der Postproduktion gefeilt. Was waren die besonderen Knackpunkte, die besondere Herausforderung?

Die Dreharbeiten selbst dauerten bis Ende Juli 2025. Die längere Postproduktion war einfach dem Fakt geschuldet, dass es hier nur eine Regie gab. Ein Film, oder wie in unserem Fall eine Mini-Serie, entsteht eigentlich vier Mal: beim Schreiben, in der Planung und Vorbereitung, dann in der Umsetzung beim Dreh und ein viertes Mal im Schneideraum. Im Schnittprozess selbst waren wir zu dritt, die beiden Editorinnen haben über Kreuz gearbeitet. Renata Salazar Ivancan hat die Episoden 1, 3 und 5 geschnitten; Nicole Kortlüke die Episoden 2, 4 und 6. Durch unseren Time Schedule und direkt nebeneinander liegende Schneideräume hatten wir kontinuierlich die Möglichkeit, immer wieder gemeinsam zu sichten. Ich war sehr happy, wie sich die Arbeit von Renata und Nicole gegenseitig bereichert hat. Unser Ziel war, dass Die Falle mit all den unterschiedlichen Erzählzuständen möglichst aus einem fließenden und packenden Guss erscheint und vom Publikum mit durchlebt werden kann.

Trotz Ihrer beachtlichen und breitgefächerten Filmographie: Was war für Sie das Neue bei der Arbeit an Die Falle? Und was haben Sie gelernt?

Alles ist immer wieder neu, nichts ist Routine. Jeder Stoff ist neu, jede Cast-Konstellation, jede Team-Zusammensetzung, jeder Umstand, jedes Motiv. Ich kann nur sagen, auch bei Die Falle durfte ich eine Menge lernen. Und bin für uns alle ein bisschen stolz darauf, dass gerade diese creepy Psychothriller-Serie bereits vor Veröffentlichung einen der für mich wichtigsten Preise gewonnen hat: den Fair Film Award 2026, bei dem alle Filmschaffenden anonymisiert abstimmen, und bei dem es um die Arbeitsbedingungen und das Miteinander hinter den Kulissen geht, unter anderem auch um mentale Gesundheit.

Ein Gespräch mit Isabel Kleefeld